Zivilcourage

Der Schrecken war groß. Noch größer war allerdings eine Stunde später die Erleichterung.

Um 16.30 Uhr erhielt die Wiener Polizei einen anonymen, erpresserischen Anruf: Entweder werden500.000 Euro gezahlt oder im Stephansdom geht eine Bombe hoch– sie sei schonzündbereit.

Folgendes spielte sich zeitgleich vor Ort ab: Imersten Gotteshaus des Landes waren die Vorbereitungen für den Marien-Festgottesdienst schon weit gediehen. Hunderte Gläubige hatten
ihre Plätze eingenommen, auch der touristische Betrieb war in vollem Gange. Nach dem Anruf im Polizeikommissariat in der Brandstätte – das ich vor etlichen Jahren feierlich segnen
durfte – rückten die sorgsam agierenden Beamten aus: Der Dom sollte aus Sicherheitsgründen unverzüglich geräumt werden.

Ganz ohne Panik haben die Gläubigen das Gotteshaus verlassen und entweder im Freien bei Regen ausgeharrt oder im gegenüberliegenden Curhaus Unterschlupf gefunden. Auch die Touristen, die die beiden
Türme, die Schatzkammer oder die Katakomben besichtigten, mussten den Dom verlassen, um die komplette Durchsuchung durch die Polizei zu ermöglichen.

Eben hatte ich die Hochzeitsfeierlichkeiten in einer burgenländischen Kirche beendet, als mich unser Sakristeidirektor telefonisch über die Ausnahmesituation informierte. Woraufhin ich sofort in Kontakt mit dem Einsatz leitenden Polizeibeamten trat,was trotz aller Anspannung auch eine Freude war – hatte ich doch letztes Jahr sein Erstgeborenes im Dom getauft.


Aufmerksame Zivilcourage


Einem genauen Plan folgendhaben die Polizisten das gesamte Gebäude nach dem möglichen Sprengstoff durchsucht – und nichts gefunden. Davon waren wir auch ausgegangen, denn leider kommt es gelegentlich vor, dass derartige Drohungen eingehen.

Meist von Menschen,deren Allmachtphantasien mit ihnen durchgehen oder die zuvor entsprechende Substanzen konsumiert haben. Diesmal konntederFall sehr schnell geklärtwerden: Ein aufmerksamer Passant, Mag. F. J., hatte das Gespräch des Erpressers in der U-Bahnstation Kaisermühlen mitgehört und seinerseits die Polizei informiert.

Ein gewaltiger Strich durch die Rechnung des Täters:Wollte er doch durch die Rufnummerunterdrückung eine Identifikation verunmöglichen… Rasch konnte der Verdächtige, ein stark alkoholisierter 25-jähriger Wiener, festgenommen und eingehend verhört werden. Nach nicht ganz einer Stunde war die Durchsuchung im Dom beendet und der geplante Festgottesdienst konnte mit Verspätung gefeiert werden. Da ist dann Eucharistiefeier, Danksagung, sehr konkret.

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan
dompfarrer[at]stephansdom.at