Toni Faber zum Thema "Tendenz steigend"

Österreichs Katholikenzahl nimmt jährlich um 1 % ab.

Andererseits steigt die Zahl derer, die wieder in die Kirche eintreten, leicht an – in der Dompfarre um 10 %.

Mitunter macht sich die Sorge breit, dass die Kirche in unserem Land aussterben könnte. Da denke ich an Mark Twains Reaktion auf eine brisante Falschmeldung: „Die Nachricht über meinen Tod ist stark übertrieben.“

Keine andere Einrichtung kann so viele Freiwillige aufweisen wie die Kirche. Fakt ist aber leider auch, dass jährlich über 50.000 Menschen offiziell die Gemeinschaft der Kirche verlassen. Aus den jahrelangen Kontakten mit Ausgetretenen kenne ich deren Motive: kurzfristige finanzielle Probleme, Schwierigkeiten mit der Art der Kommunikation bei der Kirchenbeitragseinhebung, Missbrauchsfälle, schlechte persönliche Erfahrungen mit Vertretern der Kirche oder der Ablöseprozess junger, moderner, liberaler Erwachsener von den althergebrachten religiösen Mustern.

Immer ist dann aber eine Zeit des Nachdenkens gefolgt. Das haben mir auch die 110 Persönlichkeiten im vergangenen Jahr bei ihrem Wiedereintritt in der Dompfarre erzählt. Oftmals ist ein willkommener Anlass für den Weg zurück die Bitte aus dem engsten Familien- und Bekanntenkreis, Tauf- oder Firmpate zu werden, die bevorstehende oder ersehnte kirchliche Eheschließung. Nicht wenige bewegt angesichts manch extremer Fehlformen der wichtige Diskurs über Religiosität und die persönliche Positionierung: Was sind eigentlich meine eigenen spirituellen Wurzeln und Werte? Nachdenklichkeit, die oft einen persönlichen Ansprechpartner sucht, der einen unkomplizierten Weg für das Zurück aufzeigt. Schrecklich, wenn da jemand zwei Wochen vor Weihnachten mit diesem Anliegen in einer Wiener Pfarre hören musste, dafür habe der Pfarrer keine Zeit. Bei mir haben Wiedereintrittswillige immer höchste Priorität.

Gemeinsam sind wir stark

58 % der Österreicher sind Katholiken, davon gehen 10 % jeden Sonntag in den Gottesdienst. Keiner anderen Gemeinschaft im liberalen Westen gelingt es, eine solche Zahl an Menschen regelmäßig mit Werten in Berührung zu bringen, wie es das dreifache Gebot der Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst zum Ausdruck bringt! Mir ist nicht bange um die Zukunft der Kirche!

Nicht für alle ist der Austritt aus der Kirche ein radikaler Schnitt. So sagte ein reifer Mann bei seinem Wiedereintritt zu mir: „Ich bin ja gar nicht ausgetreten, Herr Pfarrer! Ich habe mir nur eine Auszeit genommen.“

Herzlich willkommen einem jeden, der seine Auszeit einfach und unspektakulär beenden will!

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan. dompfarrer@stephansdom.at
Kolumne erschienen am 14.01.2018 im KURIER.
Bildquelle: ©Dompfarre.info / Suzy Stöckl - www.dompfarre.info