Toni Faber zum Thema die Kraft des Alters

„Im Prinzip ist das Altwerden bei uns erlaubt, aber es wird nicht gerne gesehen.“ Der Kabarettist Dieter Hildebrandt fasst eine Grundhaltung unserer Gesellschaft gut zusammen.

„Im Prinzip ist das Altwerden bei uns erlaubt, aber es wird nicht gerne gesehen.“ Der Kabarettist Dieter Hildebrandt fasst eine Grundhaltung unserer Gesellschaft gut zusammen.

In einer tollen Ausstellung im Unteren Belvedere werden die mächtigen Seiten des unvermeidlichen Alterungsprozess eines jeden menschlichen Lebens dargestellt. In 190 Objekten wird direkte Berührung hergestellt, zu all dem, was uns mehr oder weniger nahe ist oder bald erwartet. Die Jugend schwindet, Komplimente werden zwar gerne angenommen, aber im ehrlichen Blick auf unser Geburtsdatum und unser ungeschöntes Spiegelbild müssen wir uns eingestehen: „forever young“ spielt es nicht. Eine Schönheitsindustrie, die boomt, ein Jugendlichkeitswahn, der uns Angst einjagen kann, meine Generation der über 50-Jährigen, die keine Chance mehr am Arbeitsmarkt hat, stellen Warnsignale für den Blick auf das Menschsein in Würde auf. Die Weisheit und Kraft des Alters zu sehen und zu realisieren ist das Ziel dieser Ausstellung. Ich bin tief berührt von Gemälden, Zeichnungen und Fotografien, die Mut zum Altwerden machen und mir aufzeigen, was es wirklich heißt, Ja zum ganzen Menschsein zu sagen, nämlich die Zerbrechlichkeit des Alters ehrlich anzunehmen und gleichzeitig jeden Moment zu genießen.

Sprechende Gesichter

In das Antlitz eines Sterbenden zu blicken muss nicht nur Angst, Trauer und Leid auslösen, sondern kann auch unsere eigene Dankbarkeit für jeden Tag stärken.. Was wünsche und erbitte ich dem schon bald von mir und dieser Welt Scheidenden? Hat nicht jeder Tag und jedes Jahr einen ganz eigenen Wert? Wie schal und inhaltslos wirken dann alle Werbeparolen des „Anti Aging“? Wie brutal greift ein Jugend- und Schönheitswahn in die Gesichter von Menschen ein, die glauben sich mit Botox-Spritzen etwas von der Jugend in das reife Alter mitnehmen zu können, und doch nur in faltenlose Gesichtsmasken, sinnlos und mit schrecklichen Spätfolgen ihr Geld investieren?

Der dankbare Blick in ein gefurchtes und alle Jahresringe des Lebens wiedergebendes Antlitz verspricht viel mehr zu erzählen als ein zur Unkenntlichkeit entstelltes vorgeblich jugendliches Gesicht.

Ich habe Mut zum Älterwerden getankt, ich möchte meine Jahre nicht verstecken. Und ich habe ebenfalls Mut gefasst, unseren älteren Zeitgenossen beizustehen, damit sie selbst Freude und Dankbarkeit für jeden Tag ihres Lebens spüren, auch wenn manche Beschwerden und Mühen des Alters schon unübersehbar sind.

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan. dompfarrer[at]stephansdom.at 
Kolumne erschienen am 26.11.2017 im KURIER.
Bildquelle: ©Dompfarre.info / Suzy Stöckl - www.dompfarre.info