Toni Faber zum Thema alte Traditionen wiederbeleben

Jede Berufsgruppe hatte früher selbstverständlich einen eigenen Patron und Festtag, an dem sie sich zum gemeinsamen Gebet an ihrem Zunft- oder Innungsaltar versammelt hat.

Jede Berufsgruppe hatte früher selbstverständlich einen eigenen Patron und Festtag, an dem sie sich zum gemeinsamen Gebet an ihrem Zunft- oder Innungsaltar versammelt hat.

Vergangene Woche hat die Landesinnung Bau Wien als Berufsgruppe der Baumeister gemeinsam mit der Steinmetzinnung ein 10-jähriges Jubiläum gefeiert. Natürlich gibt es sie schon viel länger, bereits vor Jahrzehnten war jedoch die Tradition der Innungsmesse eingeschlafen – was den traditionsbewussten Baumeistern keine Ruhe ließ.

Zufall oder gefügt?

Vor zehn Jahren bin ich bei einem Besuch in der Cantinetta Antinori, beim Vorbeigehen an der Theke vom liebenswürdigen Baumeister Franz Katlein angesprochen worden: Ob ich denn nicht mit ihm gemeinsam die Tradition im Stephansdom wiederbeleben wolle. Meine Freunde warteten schon ungeduldig am Tisch auf mich. Doch Baumeister Katlein wollte meine Zusage sowohl mit einem festen Händedruck als auch mit einem Glas guten italienischen Rotweins besiegeln.

Gesagt, getan. War es anfangs nur eine überschaubare Runde aus der Innung, mit Unterstützung unseres Dombaumeisters und der über zwanzig Mann aus der Dombauhütte, die zur Innungsmesse der Baumeister und Steinmetze am Peter und Paul-Altar im Dom gekommen ist, so waren es im heurigen Jahr über 300 Mitfeiernde! Bei der Messe, die von einem hervorragenden Musikensemble festlich umrahmt war und himmlische Klänge der Orgelsolo-Messe von Mozart in den Dom zauberte, brachten wir unsere Bitten und Dank vor Gott.

Die Vier gekrönten Märtyrer, die Patrone der Steinmetze und Baumeister, werden im Aufsatzbild des Altares selbst mit den Werkzeugen als Steinmetze und bei der Arbeit am Stein dargestellt. Interessanterweise ist der Innungsaltar der Steinmetze eben nicht aus Stein, sondern ein im Jahre 1677 aufgestellter Holzaltar. Unmittelbar neben dem sogenannten Orgelfuß an der Nordseite des Dominnern beim Aufzug zur Pummerin schaut der legendäre Dombaumeister Anton Pilgram seit 1513 in Form einer Büste mit Zirkel und Winkel stolz aus dem Fenster wohlwollend auf seine Arbeit und das Werk seiner Kollegen aus der Zunft.

Bei der Jubiläumsmesse in diesem Jahr waren es besonders viele Fahnenträger, die mit ihrer traditionellen prachtvollen Tracht den Geist der mittelalterlichen Zünfte im untrennbaren Zusammenhang der verschiedenen Gewerke erahnen ließen.

Durch diesen festlichen Abend fühlen wir uns neu ge- und bestärkt, diese Stadt weiterhin gemeinsam aufzubauen und zu gestalten.

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan. dompfarrer[at]stephansdom.at 
Kolumne erschienen am 19.11.2017 im KURIER.
Bildquelle: ©Dompfarre.info / Suzy Stöckl - www.dompfarre.info