Toni Faber zum Thema "Als Sportler Mensch bleiben"

Knapp zwei Wochen vor Olympia fokussiert sich das Interesse auf unsere Skisportler.

Auch wenn man nicht jedes Rennen mitverfolgen kann, so bekommt man doch etwas vom Formhoch unseres Ausnahme-Skirennläufers Marcel Hirscher mit. In Kitzbühel Zweiter, konnte er in Schladming wieder sensationell zurückschlagen. Der Fight zwischen ihm und dem Norweger Henrik Kristoffersen geht in die nächste Runde.

Zwei Mal ist der Schweizer David Yule als Dritter auf dem Podest gestanden. Zu all dem hat er seine eigene Sicht der Dinge: Er sei halt wieder einmal der beste Mensch bei diesem Rennen gewesen – hinter den beiden Außerirdischen vor ihm. Die konkreten Arbeitsbedingungen der Skirennläufer kenne ich nicht, doch der Skizirkus ist sicher ein hartes Geschäft. Unvorstellbar was es heißt, über Jahre hinweg in der allerhöchsten Spitze mitzufahren und dabei ein Mensch zu bleiben!

Der, der ich sein könnte

Das Rennen in Schladming hat neben großer Spannung auch sehr viel Irdisch-Menschliches gezeigt. Kristofferson, bekannt dafür, aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen, musste nach etlichen sensationellen Leistungen bei Rennen wieder anderen den obersten Stockerlplatz überlassen. Als jeweils überlegen Führender den Platz an der Sonne zu haben – sprich neuerdings am roten Thron – und dann doch wieder an den schnelleren und tollkühneren Hirscher zu verlieren, rüttelt an den Nerven. Zornesausbrüche sind da zwar nachvollziehbar, aber nicht schön. Bei seiner sensationellen Fahrt mit von Zuschauern geworfenen Schneebällen irritiert zu werden, kann das Fass dann zum Überlaufen bringen. Wie hat der Norweger reagiert, nachdem Marcel ihn mit einer halsbrecherischen Fahrt wieder überholt hatte? Mit Glückwünschen und Frust abladen. Wie hat Marcel reagiert? Mit einem Dankeschön und einer Entschuldigung: „Fünf Deppen sind bei 50.000 Fans leider schnell dabei.“

Nachdem der erste Rauch des Ärgers und des Zornes auch bei Kristoffersen verweht war, brach seine Liebe zu Österreich wieder durch. Wohnt er doch in Salzburg und hat einen Trainer, der in Schladming aufgewachsen ist.

Gott sei Dank sind die beiden „Außerirdischen“ (David Yule) doch Menschen wie Du und ich!
Die Menschwerdung ist ein lebenslanger Prozess. In den Worten des großen Dichters Dostojewski – und auch einer meiner Lieblingssprüche: „Sehnsüchtig grüßt der, der ich bin, den, der ich sein könnte.“
All unseren 105 Sportlern schon jetzt die besten Segenswünsche für eine erfolgreiche Winter-Olympia in Südkorea! Und bleibt bitte vor allem Mensch.

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan. dompfarrer@stephansdom.at
Kolumne erschienen am 28.01.2018 im KURIER.
Bildquelle: ©Dompfarre.info / Suzy Stöckl - www.dompfarre.info