Gelebte Barmherzigkeit

Wie ist der altmodisch wirkende Begriff der Heiligkeit heute zu verstehen?

„Heilig sein bedeutet nicht, in einer vermeintlichen Ekstase die Augen zu verdrehen.“ Papst Franziskus hat wieder zur Feder gegriffen: Der Titel allein ist schon Anlass zur Freude: „Gaudete et exsultate“. Freut euch und jubelt. Dabei es geht nicht nur um geistlichen Hochleistungssport, sondern um Heiligkeit im Alltag. Es ist eine Absage an elitäre Spiritualitätsformen mit einer wachen Aufmerksamkeit für die gesellschaftlichen Nöte der Zeit. Franziskus wendet sich gegen eine Mystik der geschlossenen Augen, die Heiligkeit als eine Form der Weltflucht versteht. Er wirbt für eine Mystik der offenen Augen, die Heiligkeit als praktische Lebensform ganz in dieser Welt auslotet.

Wo kann ich Gott begegnen? Ganz praktisch: „Wenn ich einem Menschen begegne, der in einer kalten Nacht unter freiem Himmel schläft, kann ich fühlen, dass dieser arme Wicht etwas Unvorhergesehenes ist, das mir dazwischenkommt, ein Nichtsnutz und Gauner, ein Störenfried auf meinem Weg, ein lästiger Stachel für mein Gewissen, ein Problem, das die Politiker lösen müssen, und vielleicht sogar ein Abfall, der den öffentlichen Bereich verschmutzt. Oder ich kann aus dem Glauben und der Liebe heraus reagieren und in ihm ein menschliches Wesen erkennen, mit gleicher Würde wie ich, ein vom Vater unendlich geliebtes Geschöpf, ein Abbild Gottes, ein von Jesus Christus erlöster Bruder oder Schwester. Das heißt es, Christ zu sein!“

Oberflächliche Verblödung
Die Gefahren der Ablenkung sind groß: „Der hedonistische Konsumismus kann uns einen bösen Streich spielen, denn in der Vergnügungssucht sind wir schließlich allzu sehr konzentriert auf uns selbst, auf unsere Rechte und auf die verbissene Jagd auf freie Zeit, um das Leben zu genießen. Auch der Konsum oberflächlicher Nachrichten und die Formen virtueller Kommunikation können ein Faktor von Verblödung sein, der uns unsere ganze Zeit raubt und uns vom leidenden Fleisch der Brüder und Schwestern entfernt. Inmitten dieses Trubels erschallt wieder das Evangelium, um uns ein anderes, gesünderes und glücklicheres Leben anzubieten.“

Es tut uns als Kirche nicht gut, „von oben herabzuschauen, die Rolle gnadenloser Richter einzunehmen, die anderen für unwürdig zu halten und ständig Belehrungen geben zu wollen.“ Auch das ist eine subtile Form der Gewalt. Auf dem Weg der Heiligkeit verschwendet man seine Zeit nicht damit, über fremde Fehler zu klagen. Sondern man entwickelt die Fähigkeit, mit Freude und Sinn für Humor zu leben und man geht diesen Weg gemeinsam.

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan. dompfarrer[at]stephansdom.at
Kolumne erschienen am 15.04.2018 im KURIER.
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