Erhebet die Herzen

Gotische Kathedralen ziehen den Blick fast automatisch nach oben.

 

So auch im Stephansdom, bei dessen Betreten unzählige BesucherInnen von Größe und Weite des „wohl weihevollsten Innenraumes“, wie Adolf Loos ihn nannte, überwältigt sind. Die Baumeister der Gotik legten aber nicht nur Wert auf den Gesamteindruck, sie blieben auch im Detail genau.

Die geheimnisvollen steinernen Schlusssteine des Chorraumes sind – in über 22 Meter Höhe – unserer genauen Betrachtung entzogen. Bis zur Langen Nacht der Kirchen am 25. Mai wird uns ihre Symbolik in einer zeitgenössischen Interpretation der Kärntner Künstlerin Lisa Huber vergrößert und farbenfroh näher gebracht. Durch die besondere Beleuchtung werden wir zudem eingeladen, den Blick zu erheben, um mit den Herzen einzutauchen in die Welt, die uns unser irdisches Dasein erst besser verstehen und durchwirken lässt. Ob es die Symbolik der vier Evangelisten in der Menschenfigur, im Löwen, Stier oder Adler ist, oder die Tierallegorien des geheimnisvollen frühchristlichen Autors Physiologus. Wir finden auch ein Einhorn, dass ich durch die Jungfrau zähmen lässt, einen sich hingebenden Pelikan, den treuen Löwenvater, der selbst seine totgeborenen Kinder nicht verlässt, sondern ihnen nach drei Tagen neues Leben einhaucht. Oder den verbrannten Phönix, der aus der Asche wieder zu neuem Leben ersteht.

In all diesen Darstellungen wird das liebende und sich hingebende Lebensschicksal Jesu Christi erahnbar und nun deutlich sichtbar. Alles deutet auf den Gott hin, der die Abgründe des irdischen Lebens zwar erleiden, dann aber auch überwinden und die Pforten der Unterwelt sprengen kann.


Geburtstagsfest des Domes

Und das soll auch in den Tagen des Steffl-Kirtages gefeiert werden, den wir seit Jahren traditionellerweise zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten im und rund um den Dom begehen. Dank des so schön renovierten Stephansplatzes können wir den Blick von den Kirtagsständen aus wieder am Steffl aufrichten. Am Donnerstagnachmittag werden wir mit der Aufführung des Schauspieles „Der Veilchenschwank“ von Neidhart in die Entstehungszeit des Albertinischen Chores in das frühe 14. Jahrhundert entführt, um dann zehn Tage lang bei guter Speise und Trank die vielfältigen Angebote des Kirtages zu genießen. Für Leib und Seele ist vieles vorbereitet. Die Freude an Gott und seinem und unserem Stephansdom soll uns in diesen Tagenbesonderserfüllen.„Diener eurer Freude“ zu sein, ist ja ein der höchsten Aufgaben von uns Jüngerinnen und Jüngern Jesu Christi.

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan. dompfarrer[at]stephansdom.at

Kolumne erschienen am 06.05.2018 im KURIER.

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