Ein Gebet zum Abschluss

Michael Häupl hat Zeit seines politischen Wirkens aus seiner Religiosität kein Aufheben gemacht.

Umso größer die Überraschung , dass er seine letzte Rede im Wiener Gemeinderat mit einem Gebet beendet hat.

Die große Kirchenlehrerin Teresa von Avila hat es ihm und seinem Vorvorgänger Leopold Gratz mit dem nüchternen und heiteren Blick eines älter werdenden Menschen angetan,der vor Gott seine Bitten und Sorgen ausbreitet:

„Erhalte mich so liebenswert wie möglich!“

bei all dem, was Vergesslichkeit und die Beschwerden des Alters mit sich bringen können.

Lieber Michael, viel haben wir in den 24 Jahren deiner Zeit als Bürgermeister gelacht! So viele Bonmots hast du hinterlassen.
Ein Austritt aus der Kirche kam für dich nicht in Frage, genauso wenig würdest du der roten Partei und dem violetten Fußballklub Austria den Rücken kehren – komme was wolle.

Legendär dein Sager: „Wenn der liebe Gott g´wollt hätte, dass i vegan iss, dann hätt´er an Hasen aus mir g´macht.“

Viele Eröffnungen und Einweihungen von Geschäften, Lokalen und Betrieben durfte ich an deiner Seite erleben. Die jährliche Weinernte im kleinsten Weingarten der Stadt am Schwarzenbergplatz und die Weinsegnung beim Stadtweingut am Cobenzl gehörten zu den unverzichtbaren Terminen, bei denen wir in großer Dankbarkeit die Gaben des Schöpfers und die Kunst und Arbeit der Menschen gemeinsam gelobt und natürlich auch genossen haben.


Unser liebenswerter Michl
Du bist eine lebende Legende und aus der Erfolgsgeschichte unserer geliebten Stadt Wien nicht wegzudenken.
So oft durfte ich den Segen Gottes über dich und all deine Mitarbeiter herabrufen, die ja wirklich großartig arbeiten – wenn sie nur wollen, wie du es in deiner Abschiedsrede für alle erheiternd angesprochen hast.
Der Herr liebt das Leben und ganz sicher auch all jene, die für das Gelingen des Lebens so vieler anderer hart arbeiten. Ich bin überzeugt, dass der Herrgott dir auch weiterhin „Liebenswertigkeit“ verleiht, wie du es bei deinem Abschied erbeten hast. Und so bete ich gerne gemeinsam mit dir in den Worten der hl. Teresa von Avila:

„Erhalte mich so liebenswert wie möglich. 
Ich möchte kein Heiliger sein – mit ihnen lebt es sich so schwer, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.
Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir, o Gott, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.“

Von Herzen und in großer Dankbarkeit für deine Verdienste
wünsche ich dir, lieber Michael,
und uns allen eine liebenswerte Zukunft!


Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan. dompfarrer[at]stephansdom.at
Kolumne erschienen am 13.05.2018 im KURIER.
Bildquelle: ©Dompfarre.info / Suzy Stöckl - www.dompfarre.info