Das Drama der Menschen

In der Karwoche wird der Dienst der Beichte und Aussprache besonders intensiv genutzt. Gleich in drei Zimmern sitzen im Stephansdom von morgens bis spätabends Priester bereit, um Menschen zuzuhören und ihnen Vergebung zuzusprechen.

Wir erfahren von so manchem Drama der Krankheit, der belasteten Beziehungen und scheinbar aussichtslosen Sackgassen in Biografien.

Allein dies Leid anzuhören nimmt einen einigermaßen her. Wie viel größer ist jedoch die Last der Einzelnen, die voller Reue kommen?

Doch aus der Kraft des auferstandenen Herrn Jesus Christus dürfen wir Heilung zusagen. Im Auftrag Jesu am Drama der Menschen teilzunehmen, ist eine der vornehmsten Aufgaben von uns Priestern. Gleichzeitig sollen wir nicht ratlos davor stehen bleiben, mit den Achseln zucken oder uns gar abwenden. Vielmehr dürfen wir mit ganzer Hingabe einen Gott verkünden, der sich selbst in seinem Sohn in dieses Drama hineinbegibt und es bis zum Tod am Kreuz zu tragen bereit ist.

Die Antwort Gottes erschöpft sich jedoch nicht nur in Solidarität, so wichtig diese auch ist. Das Handeln Gottes durchbricht darüber hinaus die Kette der Gewalt und des Todes in der Kraft der Auferstehung! Erst aus diesem Glauben heraus begreift man das Handeln der Kirche in der Vielgestaltigkeit ihres Wirkens. Die Feier der Heiligen Messe ist nicht lediglich die Mahlgemeinschaft einer interessierten Freundesrunde, sondern ein Eintauchen in die alles verwandelnde Energie Gottes, die selbst den Tod zu überwinden vermag. Sie ist Verwurzelung in eine Kraft, die vor Krankheit, Leid und Tod nicht Halt macht, sondern uns gerade an den Grenzen des Lebens weiten Raum schafft und uns einlädt, uns und die Welt mit neuen Augen zu sehen.

Kraft verstehen

Können wir die Kraft der Auferstehung zu Ostern besser verstehen? Wie können wir sie das ganze Jahr abrufen? An die hundert Mal werde ich jährlich eingeladen, den kirchlichen Segen zu spenden: Restaurants, Hotels, Geschäfte, Anwaltskanzleien, Agenturen, Kunstprojekte, Flugzeuge, Schiffe, Autos oder Würstelbuden – für all dies wird die segnende Hand erbeten. Ein althergebrachter Brauch ohne Wirkung?

Angesichts der Diskussion über verschwendete Steuergelder für einen angeblichen energetischen Schutzring um das Krankenhaus Nord können wir als mehr oder weniger gläubige Christen auf die Zusage des auferstandenen Herrn bauen: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. Seinen besonderen Segen empfangen wir zu Ostern, damit wir ein Segen sind für alle, denen wir begegnen.

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan. dompfarrer[at]stephansdom.at
Kolumne erschienen am 01.04.2018 im KURIER.
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