BEIM REDEN KOMMEN D'LEUT Z'SAMM

Ob bei Gedenkveranstaltungen oder auch am Stammtisch: Wer das Verbindende sucht ist willkommen, wer andere nur ausgrenzt baut nicht an einer gedeihlichen Zukunft.

Aus der Geschichte zu lernen bleibt nicht nur ein Auftrag für die jeweils anderen, sondern bedarf ununterbrochen des eigenen Bemühens. So oft machen wir uns aus persönlicher schlechter Erfahrung oder vielleicht auch nur vom Hörensagen ein verdunkeltes Bild von anderen, das jedoch nur selten der ganzen Realität entspricht. So leicht ist dann die Walze des Schlechtredens in Bewegung, und jeder drückt seinen Senf dazu. Das wirkt ansteckend! Wenn eh schon die Sau durchs Dorf getrieben wird, kann jeder seinen Teil dazu beitragen.

Wie wohltuend sind da Menschen, die schlechte Erfahrungen wegstecken, vergessen oder wirklich vergeben können!

Als ich selbst einmal unter schlechter Nachrede an meinem Arbeitsplatz schwer gelitten und mich beim Kardinal darüber ausgeweint habe, hat er mir ein offenherziges Geständnis gemacht: Wenn ich an all die Gelegenheiten denken müsste, wo mir schon jemand übel mitgespielt oder ans Bein gepinkelt hat, da hätte ich ja gar keine Zeit mehr für andere Dinge! Aber Gott sei Dank hat mir der liebe Gott die Gabe des Vergessens geschenkt. So kann ich auch diesen Menschen vorbehaltlos wieder gegenübertreten und mich mit ihnen neuen Aufgaben zuwenden.

Brücken bauen

In den Tagen bis Pfingstmontag kommen unzählige Menschen beim Steffl-Kirtag am Stephansplatz zusammen. Auch hier gibt es nicht nur gute Meinungen über den jeweils anderen ... Doch bei der geselligen Begegnung kann etwas Neues gelingen – Vergangenes wird verarbeitet und mitunter sogar ein Neuanfang geplant. Oft genug habe ich die Gelegenheit bei den großen Feiern der Erstkommunionen, der Firmungen in den verschiedenen Pfarrgemeinden, bei Hochzeiten und Segnungen und Eröffnungen mit Menschen zusammenzutreffen, um neue Erfahrungen zu sammeln. Das persönliche Gespräch, der Versuch eines vorbehaltlosen, offenen Zugehens auf den anderen schafft oft Brücken, die bestehende Spannungen überwinden können. Oft werden beim persönlichen Nachfragen unerwartet Gründe erkennbar, warum manches früher nicht so optimal gelaufen ist. Die Schubladisierung von Menschen nach dem ersten persönlichen Eindruck oder lediglich nach den so gern tradierten schlechten Erfahrungen anderer verstellen mir die Möglichkeit, mit den guten Seiten und Talenten des anderen neue Seiten für die Zukunft aufzuschlagen und darin das Fest des Lebens weiterzuschreiben.

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan. dompfarrer[at]stephansdom.at
Kolumne erschienen am 13.05.2018 im KURIER.
Bildquelle: ©Dompfarre.info / Suzy Stöckl - www.dompfarre.info